Lehrplan
Kurs: Grundkurs Poi: Pädagogik
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Textlektion

7.a Einleitung

7 Paar- & Gruppenübungen

Übungen mit Partner:innen oder in der Gruppe transformieren das Poi-Spiel von einer individuellen Praxis zu einer sozialen Erfahrung. Technische Bausteine aus Teil 1 werden zu Werkzeugen der Kommunikation, der Wahrnehmung und der Verbindung.

Synchronisation: Der gemeinsame Tanz

Synchronisation ist ein tief im menschlichen Verhalten verankertes Phänomen. Es bezeichnet den Zustand, in dem zwei oder mehrere Personen in einen gemeinsamen Rhythmus finden. Eine gemeinsame Bewegung unterstützt den Effekt. Dieser Prozess kann sowohl gezielt geübt als auch spontan erreicht werden.

  • Das Phänomen: Vom Chaos zum Gleichklang
    Es ist ein faszinierendes Phänomen, welches in der Physik und der Natur zu beobachten ist:
  • Mechanik: Zwei Pendeluhren, die an derselben Wand hängen, gleichen ihren Takt an, bis sie exakt synchron schwingen
  • Biologie: Grillen, die im Chor zirpen
  • Menschliches Verhalten: Das Klatschen eines Publikums, das sich von einem chaotischen Geräusch in einen gemeinsamen, rhythmischen Applaus verwandelt
  • Definition: Synchronisation ist das Phänomen, bei dem unabhängige, wiederholende, rhythmische Bewegungen (Pendeluhren), die miteinander verbunden sind, dazu neigen, ihren individuellen Rhythmus anzugleichen und in einem gemeinsamen Takt zu schwingen.
    • Die zwei Bestandteile: 
    • Mehrere schwingende Gegenstände (die Uhrenpendel)
    • Eine Verbindung zwischen ihnen (die subtilen Vibrationen in der Wand)
    • Der Phasenübergang
      • Bei ausreichender Verbindung kann das System von einem ungeordneten Zustand (“Chaos”) in einen geordneten Zustand (“Gleichklang”) übergehen
  • Die Übertragung auf Poi
    • Poi sind schwingende Systeme: Die Bewegungen von Poi (Spinning, Pendeln, Wraps) sind wiederholend und können einem festen Rhythmus folgen
  • Die Übertragung auf die Gruppe
    • Die schwingenden Gegenstände: Die Spielenden mit ihren Poi
    • Die Verbindung: Die gegenseitige Wahrnehmung (Sehen, Hören)
    • Wahrnehmen: Synchronisation passiert oft ganz von selbst
  • Pädagogische & psychologische Effekte
    • Soziale Ebene
      • Stärkt Empathie, Mitgefühl und pro-soziales Verhalten
      • Schafft ein starkes Gruppengefühl und Verbundenheit
    • Emotionale Ebene
      • Erzeugt Wohlbefinden und Vertrauen
    • Physische Ebene
      • Verstärkt die Ausschüttung von Endorphinen 
  • Voraussetzungen & Hilfsmittel zur Förderung der Synchronisation
    • Technische Faktoren
      • Ähnliches Poi-Material (gleiches Gewicht, gleiche Länge)
      • In ähnlicher Geschwindigkeit spielen
      • Einsatz eines externen Taktes (Musik, Metronom)
    • Menschliche Faktoren (Die Verbindung stärken)
      • Konzentration auf die Synchronisation
      • Gesteigerte Achtsamkeit und gegenseitige Wahrnehmung
      • Bereitschaft zum “Loslassen” der strikten Kontrolle
      • Gemeinsames Atmen oder Vokalisieren als unterstützender Rhythmus

Die Bausteine der Interaktion

Anstatt isolierter Übungen nutzen wir Bausteine, welche das gemeinsame Spiel beschreiben. Das Experimentieren mit diesen Bausteinen ist das eigentliche Lernziel. Es geht um die Entdeckung von Möglichkeiten miteinander. Dabei steht die Freude am gemeinsamen Spiel im Vordergrund.

  • Die Bausteine für gemeinsame Übungen:
    • Relative Position: Die Ausrichtung der Personen zueinander (frontal, nebeneinander, Rücken an Rücken)
    • Bewegung: Welche Bewegung wird gemeinsam ausgeführt (z.B. Spinning, Pendel, Wraps)
    • Sequenz: Eine feste Abfolge von Bewegungen nacheinander (z.B. die Schleife) (je länger, desto komplizierter)
    • Timing: Das rhythmische Zusammenspiel (Same Time als Basis, Split Time als Herausforderung)
    • Direction: Die Drehrichtungen (Same Direction ermöglicht Verflechtungen, Opposite Direction schafft Begegnungspunkte)
    • Beziehung der Planes: 
      • Ebenen miteinander geteilt 
      • Ebenen parallel zueinander
    • Abstand: Die räumliche Distanz zwischen den Personen

Experimentieren mit den Bausteinen

Ziel ist das gemeinsame (synchrone) Bewegen. Dafür sollten die Bausteine so gewählt werden, dass sie einfach und umsetzbar sind. Komplexere Bewegungen können dann Schritt für Schritt integriert werden.

Der Phasenübergang: Die Kunst des Einstimmens

Der Phasenübergang bezeichnet die Zeitspanne vom unkoordinierten Start bis zum Erreichen der Synchronität. Dieser Moment ist eine zentrale, sensible Phase des Lernprozesses. Ähnlich der Entwicklung eines Gefühls für Poi geht es hier um das Ausweiten dieser Wahrnehmung auf eine andere Person.

  • Der Prozess ist eher ein Zulassen, Zuhören, Zusehen und Einstimmen, als ein Kontrollieren
  • Die Rolle der Anleitenden:
    • Als Modell vorangehen: Sich selbst mit Teilnehmenden synchronisieren, um den Zugang zum Synchron-Erlebnis zu erleichtern
    • Einladungen formulieren, um Druck zu minimieren
    • Raum schaffen: Der Prozess braucht Zeit und Ruhe
    • Experimentieren fördern: Zum Wechsel der Partner:innen ermutigen

Zwei Herangehensweisen

  • Sanfte Variation:
    • Aus dem stabilen, synchronen Zustand heraus wird eine einzelner “Baustein” minimal verändert (z.B. Direction wechseln, Abstand leicht vergrößern)
    • Ziel: Den Fluss beibehalten
  • Führen & Folgen (Fokus: Challenge):
    • Eine Person gibt eine Bewegung vor, die andere versucht zu spiegeln und sich zu synchronisieren
    • Wichtig: Die Herausforderung muss an die Fähigkeiten der Partner:innen angepasst sein, um Frustration zu vermeiden